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Wenn aus Witzen im Web bitterer Ernst wird

Cochem. Geistreich, kritisch und nicht nur nah am Leben, sondern nah an der Lebenswelt der Jugend – auf diese Art setzt sich das Berliner Ensemble Radiks mit den Themen Cybermobbing und Datenmissbrauch im Internet auseinander. Mit seinem entsprechenden Stück „Fake oder: War doch nur Spaß“ tourt es durch Schulen im ganzen Land. Im Schlossberg-Forum des Gymnasiums und der Realschule plus in Cochem haben es jüngst rund 600 Schüler im Alter zwischen 11 und 15 Jahren zu sehen bekommen. Vier Aufführungen an zwei Tagen, ermöglicht von den Schulen, der Kreisverwaltung, Sponsoren. Vor allem bei den Älteren kam das Stück prima an und setzte eine wohlreflektierte Auseinandersetzung mit den behandelten Fragen in Gang.

Lea ist 17 Jahre alt, lebenslustig, aufgeschlossen, vielleicht ein wenig naiv. Sie träumt von einer Karriere als Sängerin oder Schauspielerin und hat durchaus entsprechende Talente. Sie singt in einer regional bekannten Partyband, konkurriert in dieser Funktion mit ihrer vermeintlichen Freundin Nadine. Doch als Lea von einer Castingagentur angenommen wird, die Nadine zuvor hatte abblitzen lassen, zettelt Letztere eine Mobbingkampagne gegen Lea an. Diffamierende Postings landen auf Netzwerkportalen wie Facebook, ein Video, das Lea betrunken auf der Toilette zeigt, gelangt ebenfalls ins Internet.

Lea wehrt sich anfangs gegen die auf Lügen basierende Hetze, auch im Web. Doch das Mobbing entwickelt sich zum Selbstläufer, obwohl auch Nadines Klassenlehrer Herr Aigner einzuschreiten versucht. Leas Leistungen in der Schule lassen nach. Doch damit nicht genug: Nadine setzt den ebenso coolen wie verführerischen Andi (18) auf Lea an, wohl wissend, dass sie in ihn verliebt ist. Doch Andi betrachtet Lea nur als Abenteuer, spielt mit ihr. Er bringt sie sogar dazu, mithilfe ihres Hacker-Freundes Jo den Laptop ihres verwitweten Vaters auszuspionieren. Warum? Weil der strikt gegen die von Lea angepeilte Karriere im Showbusiness ist. Aus gutem Grund, wie sich später herausstellt. Auf jeden Fall wird Lea von Andi schwanger und zieht irgendwann sogar Selbstmord als Lösung für ihre Probleme in Betracht.

„Fake oder: War doch nur Spaß“ ist, obwohl es nur eine Stunde dauert, ein vielschichtiges Stück, geschrieben von Radiks-Leiter Karl Koch. Es geht um Illusion, virtuell geschaffene Wirklichkeiten, Datenmissbrauch, Scheinfreundschaften und die mitunter zerstörerische Macht der neuen Medien. Die beiden Akteure des Berliner Ensembles, Selina Maluche (21) und Alexander Abramyan, (35) schlüpfen in viele verschiedene Rollen – und jede einzelne kauft ihnen der Zuschauer ab. Dank Maluches ausdrucksstarker Mimik durchleidet man Leas Seelenzustände mit, von Freude und Euphorie bis zur totalen Verzweiflung.

In Gestik, Gebaren und Wortwahl trifft Abramyan als Andi genau den Typ des 18-Jährigen Draufgängers und Verführers, der die Welt als seine Spielwiese und Menschen als Spielzeug betrachtet. Keinen Gedanken verschwendet er an die Konsequenzen seines Handelns. Das Bühnengeschehen inszeniert einen Teil ihrer Welt treffend. Das lassen die Reaktionen der Schüler im Schlossberg-Forum erahnen: Während beklemmender Momente, die vorführen, wie leicht Lügen und Beleidigungen sich im Internet verselbstständigen und einen jungen Menschen zugrunde richten können, ist es still. Einige Schüler schauen ihren Sitznachbarn an, andere zu Boden.

Später, das Stück ist zu Ende, loben die jungen Zuschauer im lockeren Zwiegespräch mit den Akteuren Nadines Klassenlehrer. Er versucht schließlich, das Cybermobbing gegen Lea einzudämmen. Allen scheint bewusst zu sein: Was einmal den Weg ins World Wide Web gefunden, entfaltet dort lange, vielleicht für immer seine Wirkung, ob positiv oder negativ. User sollten also nicht nur den Rechner, sondern auch ihre Hirne einschalten!

Quelle: Rheinzeitung, Ausgabe Cochem vom 28.1.2012. Text: David Ditzer.

Unser besonderer Dank gilt Frau Christmann (Fachbereich Jugend & Familie) in der Vertretung der Kreisverwaltung, die die Aufführung mitfinanziert hat. So konnte den Schülern der Besuch sehr günstig ermöglicht werden!