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Endlich wieder unbeschwert Kind sein

Integrationsprojekt: Pferde helfen Flüchtlings- und Migrantenkindern bei der Bewältigung ihrer schwierigen Situation


Bereits vor zwei Jahren hat die Realschule plus in Cochem die Integration von Flüchtlingskindern mit einem gezielten Deutschunterricht in die Wege geleitet (die RZ berichtete). Nun geht die Schule mit Anne Kramer, DaF-Lehrerin (Deutsch als Fremdsprache), einen weiteren Weg zur Integration. Zwei Pferde der Lehrerin helfen nun mit, dass sich die Kinder, die aus ihrem gewohnten Umfeld plötzlich entrissen und in ein völlig fremdes Land gebracht wurden, in ihrer neuen Umgebung wohlfühlen können.

Im April begann das Pferde-Projekt auf einem Reiterhof in Greimersburg. Derzeit sind insgesamt 14 Schüler angemeldet, die sich, aufgeteilt in zwei Gruppen, jeweils einmal in der Woche um die Pferde kümmern.

Es geht nicht um Reitunterricht, sondern darum, dass die Kinder, die fast alle in ihrem Heimatland und auf der Flucht Schlimmes erlebt haben, einfach wieder unbeschwert Kinder sein dürfen. Sie klettern auf großen Strohballen herum, spielen Verstecken in der Scheune oder toben über die Wiesen. Mit großem Eifer misten sie Ställe aus, striegeln das Fell der Pferde und füttern sie mit Heu und Möhren. Am Zügel führen sie die Vierbeiner quer durch die Reithalle oder geleiten sie über am Boden liegende Hindernisbalken. Die Kinder sind mächtig stolz, dass die großen, aber sanften Tiere ihren Aufforderungen folgen. Therapiepferd Lena, ehemals ein gemütlicher Kutschergaul, lässt sich geduldig von kleinen Händen tätscheln und die Mähne kraulen.

Sie neigt den Kopf, wenn ihr die Kinder Geheimnisse ins Ohr flüstern. Wie bei dem zwölfjährigen Jungen, dessen Augen strahlen, als die Stute zutraulich ihr Maul an seiner Schulter reibt. Anne Kramer freut sich: „Der Junge ist Autist. Er spricht sonst nichts, aber hier redet er nicht nur mit den Pferden, sondern auch mit den anderen Kindern.“ Selbst der RZ-Autorin vertraut er an: „Am Anfang hatte ich noch Angst vor den Pferden, aber jetzt sind sie meine Freunde.“ Es ist offensichtlich: Der Junge hat für einen Moment seine einsame Welt verlassen und teilt mit den anderen Kindern das wirkliche Leben.
Für Anne Kramer, die eine Zusatzausbildung für tiergestützte Therapie gemacht hat, ist die Verwandlung des Jungen kein Wunder: „Der Kontakt zwischen Mensch und Tier ist immer ein emotionaler Moment.“ Sie ist davon überzeugt, dass die Migrantenkinder – nicht alle sind Flüchtlinge – über den Kontakt zu den Pferden sowohl emotional als auch kognitiv gefördert werden: „Unsere Beobachtungen seit Beginn des Projekts deuten auf eine positive Prognose hin.“ So ist das Lernen, auch das Erlernen der deutschen Sprache nicht nur mit Logik zu bewältigen. Die Lehrerin und Therapeutin erklärt: „Der Umgang mit dem Pferd ist befreit von linguistischen, kulturellen, religiösen und sozialen Komplikationen.“ Anders ausgedrückt: Das Tier nimmt den Menschen an, wie er ist. Sprachprobleme, Vorurteile, Vorschriften und Kritik spielen keine Rolle. Die Kinder, die nach ihren mehr oder weniger belastenden Erlebnissen einfach wieder Kinder sein dürfen und die Pferde als verlässliche Freunde erleben, fühlen sich sichtlich wohl. Anne Kramer betont: „Nur ein Kind, das sich wohlfühlt, kann lernen und sich positiv entwickeln.“

Der enge Kontakt und das Vertrauen zu den Pferden bringen den Kindern ihre auf der Flucht verloren gegangene Sicherheit zurück, und die brauchen sie, um mögliche traumatische Erlebnisse zu bewältigen. Anne Kramer weiß: „Es gilt als belegt, dass besonders die Erlebnisse nach dem eigentlichen Trauma entscheidend für die weitere psychische Entwicklung sind.“ Als besonders wichtig sieht die Therapeutin auch, dass die Jungen und Mädchen aufgrund ihrer „Nehmerrolle“ als Flüchtling die Möglichkeit haben, selbst einmal etwas Gutes zu tun, indem sie die Pferde füttern, striegeln, auf die Weide führen oder den Stall säubern. Jeder Ehrenamtliche kann bestätigen, dass ihre Fürsorge um andere Menschen auch ihnen selbst gut tut.

Als sehr positiv hat sich das Pferde-Projekt, das Teil des Ganztagsangebots der Realschule plus ist, auf die Motivation im Deutschunterricht herausgestellt, berichten Anne Kramer und ihre Kollegen: „Mit der Aussicht, die Pferde besuchen zu dürfen, arbeiteten alle Schüler mit größtem Elan, erstellten eigenständig Pferdeplakate, suchten neues Vokabular aus dem Internet und fragten nach pferdespezifischen Hausaufgaben.“ Schließlich beobachtet Anne Kramer, dass sich die Kinder im Kontakt mit den Pferden entspannen können. Ob ein Kind in der Schule dominant oder eher ängstlich ist, spielt im Pferdestall keine Rolle mehr: „In der Gruppe sind alle gelöst, positiv gestimmt und innerlich ruhig.“ Insbesondere die weniger selbstsicheren Schüler fühlen sich stark und zufrieden beim Umsorgen der Pferde.

 

Das Pferde-Projekt der Realschule plus wird vom Cochemer Club Soroptimist International finanziell unterstützt. Informationen unter www.soroptimist-cochem.de.

 

Quelle: RZ Mittelmosel vom Mittwoch, 21. Oktober 2015, Seite 12, Text und Foto: Brigitte Meier