Start Aus den Lernbereichen Erdkunde, Geschichte, Sozialkunde Cochemer Schüler reden über Pogromnacht und Mauerfall

Cochemer Schüler reden über Pogromnacht und Mauerfall

Cochem - Verblasst sind viele Spuren jüdischen Lebens und jüdischer Kultur an der Mosel. Im Bewusstsein 16- oder 17-jähriger Schüler erst recht. Reichspogromnacht? Nicht mehr als ein Schlagwort aus dem Geschichtsbuch.

Gleiches gilt für den Fall der Berliner Mauer, die die Hauptstadt bis vor 21 Jahren in Ost- und Westteil spaltete. Oder doch nicht? Nein, doch nicht! Zumindest die Zehntklässler an der Realschule Cochem wissen nicht bloß, warum das Datum 9. November für Deutschland von großer Bedeutung ist. Sie ziehen daraus auch wichtige Schlüsse für ihr Leben heute.

Es ist dieses „Brett vorm Kopf“, das es abzureißen gilt. Dieses ungeheuer dicke Brett, was dazu führt, dass noch heute Deutsche Brandsätze auf eine Synagoge schleudern – vor Kurzem erst in Mainz geschehen. Dieses Brett aus Intoleranz, Fremden- und Rassenhass, das zu widerwärtigen Gräueltaten verleitet: Die Nacht auf den 9. November 1938. An der Cochemer Oberbachstraße brennt die Synagoge lichterloh. Ausgemerzt. Von Nationalsozialsozialisten. Dieses Nazis hatten ein gewaltiges „Brett vorm Kopf“, wie es der Schüler 72 Jahre später in der Turnhalle der Cochemer Realschule plus griffig formuliert.

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Viele seiner Mitschüler lachen zwar. Doch die beiden heimischen Landtagsabgeordneten Anke Beilstein (CDU) und Heike Raab (SPD) greifen die Antwort dankbar auf. Denn die Worte des Jungen treffen den Nagel auf den Kopf. Etwa 100 Schüler sitzen vor den beiden Politikerinnen. Die sind in die Schule gekommen, um mit den Jugendlichen über den 9. November zu reden. Über die beiden geschichtlichen Ereignisse, die an diesem Datum deutsche Geschichte prägten, ja veränderten. Nur schwer kommt das Gespräch in Gang. Verdammt lang her, das alles. Doch Beilstein und Raab verdeutlichen: Im Grunde sind das keine alten Kamellen.

 

 

Schließlich geht es um Werte wie Toleranz und Freiheit. Diese Werte spielen auch in den aktuellen Integrationsdebatten eine tragende Rolle. Ein Schüler sagt: „Wenn ich das als Deutscher meine Meinung zu manchem äußere, werde ich gleich als Nazi abgestempelt.“ Andere im Saal nicken. Sie wissen, dass Toleranz keine Einbahnstraße bleiben darf, wenn Integration funktionieren soll. Und sie wissen , welche Mittel dazu geeignet sind, Vorurteile, Fremdenhass, die Furcht vor dem Andersartigen zu bekämpfen: Bildung, Dialog, man muss das Miteinander stärken. Ein Jugendlicher bringt ein Beispiel vom Fußballplatz:“ Es wäre Blödsinn, einem Mitspieler, der frei vorm Tor steht, nur deshalb den Ball nicht zuzuspielen, weil er Ausländer ist.“ Schließlich verfolgen alle im Team ein Ziel: gewinnen.

Zu einem Gewinn für alle wird auch Integration nur dann, wenn die Beteiligten zusammenwirken. Migranten müssen die deutsche Sprache beherrschen, deutsche Gesetze und Werte akzeptieren. Deutsche sollen lernen, Migranten und ihre Kultur als Bereicherung zu empfinden, offen zu sein. Das alles ist bei den Jugendlichen angekommen – in ihrem Alltag.

Die Schüler haben ein feines Gespür dafür, dass die Freiheiten, die sie genießen, nicht selbstverständlich sind. Provokativ fragen Beilstein und Raab: Was tun, wenn Despoten diese Freiheiten beschneiden wollen? Viele Jugendliche melden sich. Sie würden protestieren, zusammen auf die Straße gehen, Widerstand leisten. Ob es tatsächlich so wäre, selbst wenn ihnen dafür Gewalt angetan würde? Zweitrangig. Wichtig ist: die Geschichte hat Spuren hinterlassen in den Köpfen der Schüler.

 

aus: Rheinzeitung, Ausgabe Cochem vom 10.11.2011